Die Erzählung von Weihnachten beginnt mit Kaiser Augustus und dem römischen Fiskus. Ohne diese Tatsache ist nicht zu erklären, warum der Messias in Betlehem zur Welt kommen sollte. Maria war in Nazareth wohnhaft, wie wir von der Erzählung der „Verkündigung des Herrn“ wissen, und Joseph wiederum, so sagt es das Weihnachts-evangelium, war ebenfalls aus Nazareth. Betlehem ist die Stadt Davids, die nach der Micha-Prophezeiung den „Herrscher über Israel“ hervorbringen soll. Gott benutzt also die römische Geldgier, die Vorliebe des Kaisers für die Besteuerung seiner Untertanen, um auf diese Weise Israel und der Welt den Messias zu präsentieren. Viel Aufsehen sollte der Messias, der Gegen-Augustus, erregen! Gott bietet ein ganzes himmlisches Heer, „eine Menge der himmlischen Heerscharen“ auf, um allen die prä-kopernikanische, universal-kosmische Wende mitzuteilen. Nun beginnt eine neue Zeitrechnung, nun beginnt: „Nach Christus“. Aber Moment! So viele bekommen es gar nicht mit. Die Erscheinung der himmlischen Heerscharen gilt leider nur den Hirten, die in der Nähe der Geburt ihre Herden bewachen. Wie hätte es dem römischen Soldatenstaat in seiner Hybris gutgetan, einmal ein echtes Heer, ein gewaltiges Heer, ein himmlisches Heer zu sehen! Es hätte dem Kaiser und einigen anderen Demut gelehrt, doch so kam es leider nicht. Nur die ohnehin demütigen Hirten sollten die himmlische Erscheinung wahrnehmen. Für die anderen gibt es kein Zeichen, außer der Krippe. Die Krippe. Das ist Weihnachten. Eine Krippe, Windeln, Maria und Joseph und ein paar Hirten in der Nähe. Später wird die Kunstgeschichte noch ein paar Tiere hinzufügen. Mehr ist es zunächst nicht. War es ein Stall, eine kleine Kammer, ein Raum, eine verlassene Hütte? Wir wissen es nicht. Lukas berichtet nur von der Krippe. „In der Herberge war kein Raum“; mit anderen Worten: Hotel Betlehem war ausgebucht. Wo stehen Krippen gewöhnlich? Überall dort, wo Tiere sind. Jesus hatte von Anfang an eine Vorliebe für Tiere, deshalb ist es nicht falsch, sich Ochs und Esel dazu zudenken. Schließlich sind ja auch die eben erwähnten Hirten, die Hüter von Tieren, die Erstzeugen der Inkarnation, der Fleischwerdung Gottes. Später wird sich Jesus selbst als Hirte bezeichnen, der seine Schafe – wir – auf die Weide führen wird. Als „Lamm Gottes“ wird er sein Leben für uns hingeben; einmal wird er als „Löwe von Juda“ wiederkommen, um die Welt zu richten. Jesus war der Wildnis näher als der Zivilisation. Nach seiner Taufe ging er in die Wüste und lebte dort vierzig Tage mit wilden Tieren und Engeln zusammen.
Vielleicht war es gut so, dass das Hotel Betlehem keinen Platz mehr frei hatte. Es hätte wohl auch nicht zu Jesus gepasst. Was die Besteuerung angeht: Einmal hatten Petrus und Jesus Steuerschulden. Als beide sie nicht aufbringen konnten, hat Jesus Petrus aufgefordert, einen Fisch zu angeln, der das notwendige Steuerkleingeld im Maul trug. Jesus begleicht die Schulden seiner Schafe, weil er für uns einen Schatz gespart hat.
Weihnachten bedeutet also: Gott kommt aus Steuergründen in Betlehem zur Welt; die Krippe macht die Fleischwerdung, aber auch seine Armut sichtbar; sein Erbe ist unerschöpflich. Unversteuert schenkt er es jedem. Wagen wir es, die Hände zum Empfangen auszubreiten? Gehen wir mit ihm angeln? Wir würden nicht nur unsere Steuerschuld erstattet bekommen.
Hotel Betlehem
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