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Kuriositäten am Karfreitag

Der Karfreitag ist kurios.
Die erste Kuriosität ist der Ort, zu dem Jesus mit den Jüngern geht: der Garten. Jesus tauscht mit seinen Jüngern die warme Stube des Abendmahlsaales gegen den kalten Garten bei Nacht aus. Es ist Nacht und es ist kalt. Die Jünger Jesu wissen nicht so recht, was das soll und warum sie an diesem Ort sind. Aus diesem Grund berichten die anderen Evangelisten, – alle außer Johannes – dass die Jünger eingeschlafen sind. Das kann man nachvollziehen. Die Jünger werden sich gefragt haben: Was machen wir hier? Was soll das? Die Antwort von Jesus, „wachet und betet!“, hatte damals scheinbar keinen überzeugt.
Die nächste Kuriosität: Judas. Judas, ein Apostel und Freund Jesu, kommt vorbei. Nicht allein. Er hat „Soldaten und Gerichtsdiener“ bei sich, die „mit Fackeln, Laternen und Waffen“ anrücken. 600 Soldaten sind es, die allesamt dem Befehl Judas folgen. Wer rückt gegen einen Freund mit 600 bewaffneten Soldaten an? Warum Judas das getan hat, ist die nächste Kuriosität. Es gibt viele Theorien, doch es bleibt rätselhaft. Ebenso sein Tod. Matthäus berichtet von einem Selbstmord, Lukas von einem Unfall. Keiner weiß es so recht. Die Spur von Judas verwischt im selben Moment, in dem sie entsteht. Er nimmt seinen Verrat mit ins Grab und lässt uns somit fragend zurück: Wieso hast du das getan, Judas? Kurios.
Die nächste Kuriosität: Die 600 Soldaten, die mit Judas kommen, fragen nach Jesus. Jesus antwortet knapp: „Ich bin es.“ Nachdem Jesus diese Worte gesagt hat, „Ich bin es!“, stürzen alle zu Boden. „Ich bin es.“ Alle fallen um. Mit diesen Worten zeigt Jesus, welche Macht er hat. In der Matthäus-Passion sagt Jesus an einer Stelle, dass sein Vater ihm jederzeit 12 Legionen Engel mobilisieren würde. Eine Legion bestand damals aus 6000 Soldaten. 12 Legionen sind also insgesamt 72000 Soldaten. Gott würde seinem Sohn Jesus also 72000 Engel auf die Erde senden, um ihn aus der Hand der Ankläger zu befreien. 72000 Engel gegen die 600 Anhänger des Judas. Wer würde wohl gewinnen? Jesus tut dies aber nicht. Er leistet keinen Widerstand. Er bittet den Vater nicht, die Engel zu verlegen. In dem die Soldaten nach den Worten „Ich bin es!“ umfallen, zeigt Jesus sein Machtpotenzial, das er aber nicht gegen sie verwendet. Er lässt die himmlischen Heerscharen zu Hause. Wie heilsam wäre es, wenn die Despoten, Tyrannen und Diktatoren dieser Welt ihre Armeen zu Hause ließen! Wenn sie ihre Macht nicht missbrauchen würden. Wenn sie wenigstens ein wenig so wären wie Jesus, der uns sagt: Lass es! Hör auf mit der Gewalt! Tu kein Unrecht! Nimm den letzten Platz ein! Das wird dich retten.
Die nächste Kuriosität: Petrus. Petrus, der Chef-Apostel; Petrus, der von allen Aposteln das größte Mundwerk hat, aber auch gleichzeitig den größten Mut beweist. Vor den 600 Soldaten zieht er als einziger Anhänger Jesu das Schwert, um seinem Freund zu helfen. Er allein gegen 600 Soldaten. Jesus nimmt aber auch dieses Hilfsangebot nicht an, sondern fügt sich gewaltlos seinem Schicksal. Der eben noch so mutige Petrus, bekommt einen kurzen Moment später Angst und Panik als eine unbewaffnete Pförtnerin ihn nach Jesus fragt. Er hat keine Angst vor 600 bewaffneten Soldaten in der Dunkelheit. Er hat aber Todesangst vor den Knechten und Dienern am harmlosen, wärmenden Kohlefeuer. Kurios, oder? Er hält die Angst nicht aus und macht es Judas gleich und verleugnet Jesus, sogar dreimal hintereinander. Mutig zu sein in ausweglosen Situationen und feige dann, wenn eigentlich überhaupt kein Grund zur Gefahr besteht; auch das ist allzu menschlich.
Nächste Kuriosität: Von Pontius zu Pilatus. Der Fall Jesus scheint alle zu überfordern, nicht nur seine Anhänger. Man will Jesus loswerden, aber keiner weiß wie. Zuerst schicken sie Jesus zu Hannas. Hannas war eine graue Eminenz bei den Juden damals, eine Lichtgestalt, eine repräsentative Figur. Er kann mit Jesus nichts anfangen und schickt ihn zu Kajaphas. Kajaphas wiederum war der Hohepriester, ungefähr so etwas wie der jüdische Papst. Der kommt auch nicht weiter und schickt ihn zu Pilatus, dem römischen Statthalter. Pilatus fragt sich, warum sie mit Jesus zu ihm kommen, weil er es für einen religiösen Konflikt hält und keine Lust hat, sich einzumischen. Im Lukas-Evangelium wird das noch gesteigert, in dem Pilatus Jesus auch noch zu Herodes schickt. Herodes, der Herrscher von Galiläa, dem Gebiet wo Jesus herkommt, beschäftigt sich nicht lange mit dem Fall und schickt ihn postwendend gleich wieder zu Pilatus. Nun muss Pilatus also doch ein Urteil aussprechen. Der will aber weiterhin nicht und versucht ständig Jesus loszuwerden und die Verantwortung abzugeben, in dem er Jesus dem angestachelten Volk zu übergeben versucht. Das Volk wiederum besteht auf ein Urteil von Pilatus und schiebt Jesus immer wieder in seine Richtung. Alle zusammen wollen sie ihn loswerden, keiner aber will das Urteil aussprechen. Keiner ist zuständig. Pilatus wäscht vor dem Ausspruch des Todesurteils seine Hände in Unschuld: Ich kann nichts dafür. Das ist eure Sache. Ich habe nichts damit zu tun. Nie davon gehört. Noch nie gesehen. Keine Ahnung. Interessiert mich auch gar nicht. Kennt man solche Sätze? Ein wenig Pilatus steckt in uns allen. Wir waschen gerne unsere Hände mit viel Seife in Unschuld.
Die nächste, letzte und größte Kuriosität: Das Kreuz. Jesus stirbt am Kreuz. Zur Erinnerung: Jesus ist der fleischgewordene Gott selbst. Jesus war von Anfang an beim Vater. Er hat also schon existiert, bevor es überhaupt die Welt gab. Er kam aber in die Welt und das feiern wir an Weihnachten. Nun stirbt dieser Gott am Kreuz einen bestialischen Foltertod. Gott, der die Welt erschaffen hat, den Urknall, die Elemente, die Atome, Moleküle, das Universum, die ganze Biologie, den Menschen: Dieser Gott stirbt am Kreuz. Was den Karfreitag angeht, hat Nietzsche recht: „Gott ist tot.“ Das feiern wir an Karfreitag: „Gott ist tot.“ Dieser Gedanke – und das sagt auch Nietzsche – ist tatsächlich „furchtbar“. Furchtbar: Gott ist tot! Wie kann die Welt dann noch bestehen? Wir würden aber unseren Gott unterschätzen, wenn wir meinen, dass das sein Ende sei. Das Ende ist das nicht. Aber dennoch ist es kurios. Warum der Tod? Warum so grausam? Warum wollte Gott das so? Warum gibt es das Leid? Warum wird die Welt nicht besser? Keiner weiß es. Vieles ist kurios, nicht nur der Karfreitag. Und dennoch ist die Hoffnung gewiss und absolut. Am Karfreitag regiert das Schweigen. Aber es gibt ein Morgen. Es gibt eine Antwort Gottes auf den Tod und auf das Kreuz, auf all die vielen Niederlagen in allen Leben.
Herzliche Einladung nach Karfreitag die Osternacht zu besuchen!
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