Zum Inhalt springen

Einsicht und Freude

Ein Junge namens Silas hat erfolgreich seine Schulzeit beendet. Vor dem Beginn seines Studiums wollte er für ein Jahr in ein fernes Land reisen. Er hat jahrelang Geld dafür gespart. Im fernen Land hat er herrliche Orte kennengelernt, neue Freunde gefunden und eine ausgesprochen schöne Zeit erlebt. Eines Tages, weil er viel unterwegs war, wurde sein Geld knapp. Da wurde er zornig auf Gott und machte ihm heftige Vorwürfe: „Warum hast du mich in dieses ferne Land geschickt und lässt zu, dass mein Geld knapp wird?“ Gott gab ihm daraufhin keine Antwort und die Wut des jungen Silas wurde größer und größer. Eines Abends ging er in einer Stadt im fernen Land spazieren und schaute voller Zorn die Menschen um sich herum an. Er wollte nur noch allein sein. „Dieser elende Ort!“, dachte er sich und wünschte sich wieder zurück in seine Heimat. Er hat sich Mühe gegeben, an diesem kalten Novemberabend allein zu sein: „Allen geht es gut, nur mir nicht! Alle haben Geld, nur ich nicht! Wäre ich doch bloß nicht hier!“ Er beobachtete von Weitem einen Menschen, der im Rollstuhl saß, der wiederum ihn, den jungen Silas, beobachtete. „Was will der von mir?“, dachte sich Silas: „Der soll verschwinden.“ Der Mann mit dem Rollstuhl kam Silas immer näher. „Was schaut der mich so komisch an? Hau doch einfach ab! Ich will allein sein.“ Doch der Rollstuhlfahrer schien etwas von Silas zu wollen. Er fuhr im Rollstuhl zu ihm hin, blieb vor ihm stehen und schaute Silas tief in die Augen. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragte Silas gezwungen höflich, doch sichtlich genervt. „Ja, in der Tat. Hilf mir bitte meinen Urinbeutel zu leeren, sonst komm ich nicht weiter.“ „Das muss ein Scherz sein“, dachte sich Silas: „Ich glaub, ich habe mich verhört.“ „Wie bitte?“, fragte Silas den Rollstuhlfahrer ungläubig. „Hilf mir bitte meinen Urinbeutel zu leeren, sonst komm ich nicht weiter!“, wiederholte der Mann im Rollstuhl und schaute Silas erneut ernst in die Augen. Silas empfand Ekel vor vielen Sachen. Wann immer er etwas berührte, wovor ihm ekelte – und das konnten auch normale Dinge sein – musste er sich mindestens dreimal die Hände mit viel Seife waschen. Nun half er genervt und etwas unbeholfen dem Mann im Rollstuhl auf der Straße dessen Urinbeutel zu leeren. Es war nicht so schlimm, wie Silas zuerst dachte, da der Urinbeutel am Fuß des Mannes befestigt war. Der Mann im Rollstuhl bedankte sich bei Silas und zog weiter. Als Silas zurück in seine Unterkunft lief, um sich mit viel Seife die Hände zu waschen, war ihm plötzlich froh und heiter zumute. Silas war dankbar, einem Menschen geholfen zu haben, der es viel schlimmer hatte als er. Es kam ihm vor, als hätte Gott ihm doch geantwortet: „Schau nicht immer nur auf dich! Schau auch auf andere!“ Mit dieser Einsicht im Herzen verbrachte Silas noch viele schöne Wochen und Monate im fernen Land, bevor er dann wieder nach Hause zurückkehrte. Und das Geld wurde ihm auch nicht knapp, denn Gott schenkte ihm eine Arbeit als Tellerwäscher.
Published inKurzgeschichten