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Verkündigung des Herrn

Gott macht sich die Mühe, auf der großen weiten Welt einen Ort zu suchen, zu dem er herabsteigen könnte. Welcher Ort käme wohl in Frage? Rom war damals der Mittelpunkt der Welt. Dorthin hätte er kommen können. Alexandria war die Metropole der Wissenschaft. Dahin? Athen, die Hauptstadt der Staatskunst, Philosophie und Wiege der Demokratie. Nein? Vielleicht ein ganz anderer Ort? China? Das wäre zu weit gegangen. Es musste schon die Mitte, es musste Israel sein. Dann also Jerusalem! Auch nicht? Der Süden wenigstens? Judäa? Nein? Was bleibt übrig? Samaria wäre ein Frevel gewesen. Doch nicht etwa Galiläa? Wirklich? Der von allen guten Geistern verlassene Norden? Welcher Ort wäre dort wohl eines Gottes wert? Nazareth? Nie davon gehört. Die komplette Heilsgeschichte Israels machte einen großen Bogen um diesen Ort. Kein Mensch erwähnt ihn, bis es die Evangelisten taten. Genau dorthin soll sich Gabriel also vom Himmel aufmachen: Vom Himmel auf Galiläa zu nach Nazareth. Dort, sagt man, soll es ein Haus geben. Nicht irgendein Haus: Das Haus David liegt dort verschüttet. Das Haus David? Der König Israels? Wie um alles in der Welt kam es nach Nazareth? Ein edles Königsgeschlecht muss im absoluten Niemandsland leben und einer gewöhnlichen Tätigkeit nachgehen: Zimmermann statt Staatsmann. Hat die Verheißung nicht gesagt, der Herr wird dem David ein ewiges Haus bauen? Damit kann doch wohl nicht das Haus in Nazareth gemeint sein! Aber genau dorthin muss der Engel gehen. Zur Verwunderung vieler dringt er immer tiefer vor. Ohne anzuklopfen, gelangt er in Marias Zimmer. Was nun passiert ist die Vorlage unzähliger Gemälde aller Jahrhunderte. Doch es scheint Gott nicht zu reichen. Er will tiefer in dieses geschichtliche und räumliche Geschehen eingreifen. Er holt sich Marias Erlaubnis ein, um wenig später dauerhaft in diesem Haus zu wohnen. Es ist nun kein Haus aus Holz und Stein mehr. Gott wohnt nun in Maria selbst. Ja, genau, richtig gehört: Gott wohnt in Marias Schoß. Die Prophetie geht in Erfüllung: Das ewige Haus Davids ist kein Gebäude. Es ist auch kein Stammbaum mehr. Es ist Fleisch und Blut, ohne von einem Menschen gezeugt zu sein. Das gab es noch nie: Gott, wohnhaft in einem Menschen. Der Mensch ist das bewegliche Zelt, der Dauergast ist Gott. Maria war die Erste, die der Welt zeigt, was es heißt, ein Christ zu sein: Gott in sich wohnen zu lassen, sein Zelt ihm zu öffnen. Nicht nur im Geiste, sondern im Leib ewige Wohnstadt zu sein. Nazareth sticht damit Rom über Nacht aus. Dort sitzt nämlich nur einer, der sich für einen Gott hält, aber keiner ist. Gott selbst hingegen findet Gefallen am kleinen unbedeutenden Ort; Gefallen an der kleinen und jungen Maria. Am Ende heißt es von Gabriel, dass er Maria verlässt. Es wird aber nicht gesagt, dass er zu Gott zurück in den Himmel geht. Wieso auch? Der Himmel ist nun auf die Erde gekommen und bleibt auf der Erde. Nicht in Nazareth, sondern in Bethlehem wird neun Monate später der Messias geboren. In Jerusalem wird er eines Tages sterben, auferstehen und in den Himmel auffahren. Am Ende der Welt wird er wiederkommen und die Welt richten. Wer? Der Nazoräer. Und wir? Maria.
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