Zum Inhalt springen

Ablass

Ein junger Mann namens Marvin liebte es, zu feiern. Wann immer Wochenende war, ging er mit seinen Freunden in den Club oder auf eine Hausparty. Sobald er Alkohol getrunken hatte, wurde er mutig und lustig. Das gefiel ihm und seinen Freunden. Bei Mädchen war er auch beliebt, denn er war offen zu ihnen, charmant und sah gut aus. Manchmal übertrieb er es mit dem Alkohol, wenn die Stimmung ihn übermannte. Dann kam es auch vor, dass er wankte, weil ihm seine Füße nicht mehr ganz gehorchten. Eines Tages ging er in diesem Zustand aus dem Club, um sich und seine Freunde nach Hause zu fahren. Er setzte sich in sein neues Auto, das seine Eltern ihm zum zwanzigsten Geburtstag geschenkt hatten. Ein Freund war skeptisch und meinte, es wäre besser, wenn sie ein Taxi rufen, da er Marvins Alkoholrausch bemerkte. „Ach, heul doch rum!“, fauchte Marvin seinen Freund betrunken mit nicht wenig Speichelverlust an. „Nein, ernsthaft Marvin. Ich glaub, das ist keine gute Idee, wenn du fährst. Hier stehen doch Taxis. Wir könnten dein Auto morgen hier abholen.“ Marvin lachte ihn aus und setzte sich in sein Auto. Zwei andere Freunde, die noch dabei waren, setzten sich stumm mit Marvin ins Auto. Nur der Freund, der Marvin warnte, zögerte. „Also komm jetzt“, sagte Marvin bestimmt: „Wir haben sowieso kein Geld mehr, weil wir alles versoffen haben.“ Marvin war ein echtes Alphatier und gab in der Regel in seinem Freundeskreis den Ton an. Der skeptische Freund zögerte erneut, setzte sich dann aber doch ins Auto. Marvin fuhr los und gab sich Mühe, konzentriert zu fahren. Auf der Autobahn jedoch wurde Marvin müde und verfiel in einen Sekundenschlaf. „Siehst du!“, sagte Marvins skeptischer Freund: „Ich habs dir gleich gesagt. Das war keine gute Idee.“ „Wir sind doch schon fast da“, sagte Marvin genervt: „Zieh endlich deinen Kopf aus dem Arsch!“ Der Freund überlegte kurz, was Marvin damit meinte, während Marvin über seine Aussage lachte und sich dabei sehr cool vorkam. Marvins Lachen endete abrupt, als er bemerkte, dass er eine Frau unbemerkt angefahren hatte.
Die Frau war seit diesem Unfall querschnittsgelähmt und musste den Rest ihres Lebens im Rollstuhl verbringen. Marvin war untröstlich. Er konnte sich diesen selbstverschuldeten Unfall nicht vergeben. Jahrelang plagte ihn die Schuld. Er erinnerte sich an seine erste Beichte bei der Erstkommunion und ging nun fast fünfzehn Jahre später zum zweiten Mal in seinem Leben beichten. Er wusste nicht mehr, was man bei der Beichte sagt, und so erzählte er dem Priester die ganze Geschichte. Der Priester gab ihm die Lossprechung von seiner Schuld mit den Worten: „Bitte bete nach der Beichte ein Vaterunser und ein Ave-Maria für die Frau, die du angefahren hast! Und bitte geh zu ihr hin – am besten mit einem großen Blumenstrauß – und bitte sie um Vergebung!“ Marvin war dankbar für die Lossprechung und fühlte das erste Mal seit Langem wieder Hoffnung und Zukunft. Allerdings hatte er auch große Angst vor der Begegnung mit der Frau, die er beim Unfall selbst das letzte Mal sah. Marvin sah ein, dass eine Entschuldigung notwendig war und kaufte daraufhin einen großen und schönen Blumenstrauß, um sie der Frau zu bringen und um sie um Vergebung zu bitten. Das tat er auch. Zu seiner Verwunderung war die Frau sehr dankbar, freute sich über den Blumenstrauß und nahm Marvins etwas unbeholfene Entschuldigungsbitte ohne Bitternis an. Marvin ging befreit und glücklich nach Hause. Es schien ihm, als wäre nun alles wieder in Ordnung. Gott hat ihm verziehen und auch die Frau. „Die Sache scheint nun aus der Welt zu sein“, dachte sich Marvin. Im gleichen Augenblick überkam ihm jedoch ein Zweifel: „Ist die Sache nun wirklich aus der Welt? Die Frau kann ja nie wieder gehen.“ Marvin dachte noch eine Weile darüber nach. Dann kam ihm ein schrecklicher Gedanke: „Die Sache ist nicht aus der Welt, solange der Rollstuhl der Frau in dieser Welt ist.“
Published inKurzgeschichten