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Ballade vom zweiten Schächer

Aus Jericho im Tale
Zog einst ein Mann hinauf
Mit einem Weggefährten
Nach Zions Gotteshaus.

Es war das Fest der Brote,
Ganz Israel war da,
Zu feiern die Versenkung
Der bösen Reiterschar.

Zu feiern ihren Siege,
Ihr Waten durch das Watt,
Bevor die Wasserwogen
Und Wagenreiter matt.

Sie wanderten zum Tempel,
Wie alle Judenheit,
Doch nicht der Wallfahrt wegen,
Aus Eigennützigkeit.

Sie waren nämlich Räuber
Und gierten nach Profit,
Sie schlugen manchen halbtot
Mit ihrer Knüppel Hieb.

Sie schleppten schwer den Beutel
Mit Silberschekelgeld,
Das sie den Pilgern raubten
Vor aller Augen Welt.

Die Pilger brauchten Münzen,
Wie man seit Mose weiß,
Das Pessach zu bestreiten
Mit zartem Lammesfleisch.

Sie kamen reich nach Zion
Im Pilgerstrom herbei,
Und zahlten frech den Zolle
An Judas Polizei.

Der böse Blick verriet sie,
Dem Zöllner fiel er auf,
Ein Hauptmann war nur unweit,
Kaum weit vom Zollpachthaus.

Den Schurken wurd es bange,
Sie machten eilig kehrt,
Der Hauptmann hatte ihnen
Die Flucht sofort verwehrt.

Ein Hauptmann kennt kaum Gnade,
Man knotete ein Seil,
Sie hörten bald das Wetzen
Am scharfen Henkersbeil.

Vorbei bereits ihr Leben,
Zu hoch ihr Schuldenstand,
Vorbei auch die Geschäfte
Der linken Diebeshand.

Sie knieten vor dem Henker
Gefesselt an dem Pfahl,
Da hörte man den Hauptmann,
Begnadigung befahl.

Die Räuber schöpften Hoffnung,
Doch war es kein Triumph,
Es machte schnell die Runde,
Ein Tod am Holzesstumpf.

Schon bald kam die Gewissheit,
Die Kreuzigung perfekt,
Er dulde keine Gnade,
Befahl jener Präfekt.

Das Todesurteil rechtens,
Am Folgetage früh,
Gezeichnet von Pilatus,
Ein Satz mit wenig Müh.

In Davids Stadt im Kerker
Brach ein die letzte Nacht,
Sie fanden keinen Schlafe,
Sie gaben wachsam Acht.

Denn jene Nacht war finster,
Das Wetter rau und kühl,
Ein Brüllen war zu hören,
Ein taubes Mitgefühl.

Wie tot schrie diese Meute,
Wie Geister aus dem Grab,
Wie düster dieser Hasston,
Dem dieser Mob erlag.

Die Räuber lauschten achtsam,
Weshalb die Rotte schrie,
Die Kälte war so eisig
Wie deren Hysterie.

Der Aufstand kam zum Kerker,
Sie brachten einen rein,
Man konnte nichts erspähen,
Die Zellen waren klein.

Schnell ebbten ab die Schreie,
Der Morgen sog sie auf,
Die Räuber konnten schlafen,
Die Sonne stieg herauf.

Nur kurz war diese Ruhe,
Der Hahn war früh erwacht,
Sie zitterten vor Kälte
Im Todeskerkerschacht.

Man wartete mit ihnen,
Schon Mittag war der Tag,
Es wurde ihnen wärmer,
Sie dachten an ihr Grab.

Erneut des Volkes Stimme,
Sie lechzten nach dem Blut
Von jenem armen Menschen,
Dem Opfer ihrer Wut.

Tatsächlich war es jener,
Den dieser Rauschakt band,
Weswegen jener Pöbel
Beim Hahn erst Ruhe fand.

Der arme Mensch muss leiden,
Ein ewiges Prinzip,
Doch dieser litt so schrecklich,
Durch jeden Geiselhieb.

Die Räuber konnten sehen
Von ihrer Zelle aus,
Ein Spalt zum Hof gerichtet,
Sie schauten leidvoll raus.

Man presste auf den Armen
Ein Dorngeflecht als Kron,
Wie bös die Folterknechte,
Wie grausam dieser Hohn.

Erneut brüllten die Löwen,
Ein jeder widerbot,
Sie forderten sein Leben,
Obwohl der Mensch halbtot.

Pilatus wurde ängstlich,
Obgleich er sonst so stark,
Doch machtlos gegen Wölfe
Ist selbst der Römerstaat.

Er gab dem Volk das Brote
Und lieferte ihn aus,
Dann zogen sie von dannen,
Die Kerkertür ging auf.

Herein traten die Wärter,
Die Räuber wussten schon,
Es waren jene Flechter
Der Folterdornenkron.

Sie lösten ihre Ketten
Und trieben sie zum Tor,
Da johlte laut die Horde,
Der Henkershelfer Chor.

Der Lärm galt nicht den Räubern,
Die Missetat vollbracht,
Der Lärm galt nur dem Menschen,
Wie unlängst in der Nacht.

Es grübelten die beiden,
Erkannten jenen Mann,
Sie sahen ihn von Nahem,
Den Mann am Kreuzesstamm.

Er war bekannt auch ihnen
Vom letzten Pessachfest,
Bejubelt von den vielen,
Gehasst von einem Rest.

Weshalb nun alle hassten,
Zuvor ihnen er lieb,
Es könnte daran liegen,
Dass er wahrhaftig blieb.

Das dachte nur der zweite,
Der erste tat es nicht,
Der zweite stand im Schatten,
Der erste stand im Licht.

Man lud auf ihren Schultern
Das drückend schwere Holz,
Man peitschte sie mit Schlägen,
Zu brechen ihren Stolz.

Die Aufsicht kam vom Hauptmann,
Dem Mann vom Zollpachthaus,
Er führte das Kommando,
Den Kreuzgang emsig aus.

Er schonte beide Räuber
Mit zeitweiliger Rast,
Als dreimal jener stürzte
Unter des Holzes Last.

Der Rabbi lag am Boden,
Das Kreuz war ihm zu schwer,
Da mussten Frauen weinen,
Die Augen wurden leer.

Der Hauptmann sah das Klagen,
Es brach sein Herz aus Erz,
Er half dem schwachen Meister,
Zu lindern dessen Schmerz.

Ein Landmann kam gelaufen
Bergab den Weg entlang,
Der Hauptmann hieß ihn tragen
Den schweren Kreuzesstamm.

Da schöpfte Mut der Meister,
Er richtete sich auf,
Den blutdurchtränkten Leibe
Zum letzten Todeslauf.

Kurz vor der Schädelstätte,
Die Golgatha genannt,
Da hielt ein junges Mädchen
Ein Tuch in ihrer Hand.

Sie reichte ihm das Tuche,
Das seinem Antlitz galt,
Er trocknete den Schweiße,
Bis ihn ein Römer schalt.

Der Römer wurde zornig
Und stieß das Mädchen fort,
Hinauf lief der Messias
Zum letzten Folterort.

Die Räuber mussten schleppen
Den Kreuzesstamm allein,
Kein Landmann kam zu Hilfe
In ihrer Marterpein.

Da packte Zorn die beiden
Und Wut kam beiden auf,
Als laut die Römer stritten
Beim Kleiderausverkauf.

Denn wie in Rom die Sitte
Seit jeher war bestellt,
Dass jedem Kreuzesopfer
Das Kleid vom Leibe fällt.

Man riss dafür die Fetzen
Und meist auch jedes Fell
Dem Häftling schroff vom Leibe
Beim Kreuzigungsappell.

Auch hier rissen die Schergen
Die Lumpen rasch entzwei,
In Stücke teilt die Beute
Die Truppenhehlerei.

Doch machten Halt die Römer,
Sie kamen aus dem Takt,
Beschauten seinen Rocke,
Als jener Rabbi nackt.

So kostbar war die Kleidung,
Es kam daher zum Streit,
Wem es gehören sollte,
Sie ließen sich viel Zeit.

Auf jenem großen Hügel
Der bösen Grausamkeit,
Da würfelten die Römer
Um eines Sträflings Kleid.

Es unterband der Hauptmann
Das freche Römerspiel,
Er fegte weg die Würfel
Mit seinem Peitschenstiel.

Er nahm die ganze Hülle,
Das nahtlose Gewand,
Lud heimlich auf sein Rosse
Das Todgeweihtenpfand.

Die Räuber hing man achtlos,
Vergessen ihr Delikt,
Sie waren nur der Schatten
Des Kreuzes in der Mitt.

Das Schaulustrudel brüllte
Nach dessen Fleische roh,
Die Zähne schon im Leibe,
Kein Löwe frisst gern Stroh.

Im Volk nur wog der Rabbi,
Die beiden Räuber nicht,
Doch litt das ganze Trio
Am eigenen Gewicht.

Wenn sie sich aufrecht stützten
Auf ihrer Füße Schaft,
Dann konnten sie kurz atmen
Mit schmerzerfüllter Kraft.

Sonst mussten sie schlapp hängen,
Wenn ihre Kraft nachließ,
Die Last quetschte die Lunge,
In die kaum Luft noch blies.

So grausam ist das Kreuze,
So schrecklich ist die Not,
Man sehnt sich nach dem Ende,
Nach einem schnellen Tod.

Doch kommt der Tod nur langsam,
Die Schmerzen währen lang,
Man reichte ihnen Myrrhe,
Getränkt im Essigschwamm.

Wie Galle schmeckt die Mischung,
Darum der Rabbi spie,
Die Räuber tranken alles,
Den ganzen Trog wie Vieh.

Doch linderte der Giftsaft
Die Schmerzen nur sehr leicht,
Dafür fühlten sie Schwindel,
Sie wurden kreidebleich.

Sie riefen schwach um Hilfe
Im Wahne wie verstört,
Sie bettelten um Gnade,
Doch keiner sie gehört.

Sie konnte keiner hören,
Die Menge war zu laut,
Es wollte keiner helfen,
Sie senkten stumm ihr Haupt.

Der Rabbi hob sein Antlitz
Und betete zu Gott,
Der eine fluchte keuchend,
Aus seinem Mund kroch Spott.

Der andere war leise,
Er hörte jenem zu,
Dem Manne in der Mitte
Mit einer Herzensruh.

Der Rabbi bat um Gnade,
Vergab die Schuld dem Volk,
Der Räuber lauschte gierig,
Sein Herz wurde zu Gold.

Die Worte waren Balsam,
Der Räuber schöpfte Mut,
Der Spötter wurde rasend,
Er blieb bei seiner Wut.

Da stritten laut die beiden,
Den Spötter traf der Fluch,
Der andere erkannte,
Es fiel das Schleiertuch:

„Das ist der Menschensohne,
Der Baumstumpf Jischais,
Das ist das Paschalamme,
Salvator Iudaeis.“

Der Flucher fühlte Flammen,
Er richtete sich auf,
Er kreischte wie von Sinnen,
Das Volk lachte ihn aus.

Ganz anders jener Räuber,
Der rechts vom Rabbi hing,
Er brachte ihn zum Schweigen,
Den linken Abkömmling.

„Wir waren Übeltäter
Und das ist unser Lohn,
Der Mann jedoch ist schuldlos,
Lass ab von deinem Hohn!“

Der schlechte Räuber spuckte
Den guten Räuber an,
Der gute sah zum Rabbi,
Nach links zum Kreuzesstamm:

„Mein Meister hab Erbarmen,
Ein Sünder war ich nur,
So denk an mich beim Vater,
Will folgen deiner Spur!“

Und was das Aug erblickte,
Ein dunkler Wolkenriss,
Der letzte Strahl zum Räuber,
Dann kam die Finsternis.

Die Sonne war verschwunden,
So schnell fast wie ein Blitz,
Der Tag war schwarz verhangen,
Verhüllt des Lichtes Sitz.

Der Rabbi lag im Sterben,
Er sprach zu einer Frau,
Er konnte kaum noch atmen,
Die Haut färbte sich blau.

Mit letzter schwacher Stimme,
Im Volk herrschte nun Ruh,
Sein Kopf drehte nach rechts,
Dem guten Räuber zu:

„Wahrhaftig dir vermach ich
Das Himmelreiche mein,
Noch heute werden wir
Im Himmel beide sein.“

Dem Räuber kamen Tränen,
Der Rabbi fand den Tod,
Da bebte wild die Erde,
Im Volk war groß die Not.

Man sah den Tempel offen,
Der Vorhang brach entzwei,
Der Wind wehte nun wüster,
Man hörte viel Geschrei.

Der Hauptmann sank auf Knien,
Er rief laut unter Schock:
„Das war der Menschensohne,
Hier starb ihr Sündenbock.“

Er musste reagieren,
Das Dunkel kam zu früh,
Noch immer hingen alle,
Er hatte seine Müh.

Denn er war noch ergriffen
Von seines Opfers Tod,
Doch klagten ein die Juden
Ihr Kreuzigungsverbot.

Kein Kreuz durfte noch hängen,
Sobald der Sabbat kam,
Das forderten die Frommen
Aus religiöser Scham.

So trat der edle Hauptmann
Historisch auf den Plan,
Das römisch Trauerspiele
Lief zum Finale an.

Den Räubern ließ er schlagen
Die müden Beine ab,
Sie fanden gleich den Tode,
Man warf sie gleich ins Grab.

Er stockte vor dem Rabbi,
Er sah das tote Haupt,
Ein Diener nahm das Pilum,
Durchstach die seitlich Haut.

Sogleich floss Blut und Wasser
Von jener Wunde ab,
Die Römer mussten knien,
Die Beine wurden schlapp.

So endete das Schauspiel,
Doch nicht der Epilog:
Wer war der Weggefährte,
Der Räuber vom Prolog?

Er war der Hauptdarsteller,
Von dem all dies hier spricht,
Der erste starb im Schatten,
Er selbst starb hell im Licht.

So endet die Ballade
Von jenem Räuberarm,
Der noch vor dem Messias
Ins Paradiese kam.

Der gute Räuber Dismas,
Wer kennt den rechten Mann,
Das Kreuze rechts von Christus
Dort oben auf dem Hang?

Er war der zweite Schächer,
Gefangen im Verlies,
Doch dann der erste Adam
In Gottes Paradies.
Published inLyrik

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